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Merkblatt: Autismus

Meldungen

präsentiert von Michael Palomino

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05.10.2010: Autistische Kinder können ihre Geschwister "anstecken" - die Eltern müssen das Verhalten der gesunden Geschwister regulieren

aus: Welt online: Gesundheit: Geschwister von autistischen Kindern gefährdet;
http://www.welt.de/gesundheit/article10084643/Geschwister-von-autistischen-Kindern-gefaehrdet.html

<Oft leiden mehrere Kinder einer Familie an Autismus. US-Forscher fanden heraus: Auch vermeintlich gesunde Geschwister könnten betroffen sein.

Eltern sollten bei Geschwistern von autistischen Kindern darauf achten, ob auch sie Zeichen der Krankheit zeigen

Geschwister von autistischen Kindern leiden oft auch an Sprachstörungen und anderen, weniger offensichtlichen Symptomen der Krankheit. Das ergab eine Studie, in der amerikanische Wissenschaftler 1200 Familien untersuchten, in denen mindestens ein Kind autistisch ist.

Gene, die für die Enstehung der Krankheit mitverantwortlich sind und in der Familie liegen, könnten auch für weniger schwere Symptome bei Geschwisterkindern verantwortlich sein, sagte Dr. John N. Constantino von der Washington University School of Medicine in einem Interview mit dem US-Rundfunksender National Public Radio.

Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung. Die Betroffenen ziehen sich dabei in ihre eigene Welt zurück und kapseln sich von der Umwelt ab. Männer sind schätzungsweise viermal so häufig betroffen wie Frauen. Genaue Zahlen gibt es für Deutschland allerdings nicht, Schätzungen gehen von einigen hunderttausend Betroffenen aus.

Die Störung ist nach Schweregrad und Symptomen unterschiedlich ausgeprägt, unterschieden wird vor allem zwischen einem frühkindlichen Autismus und dem sogenannten Asperger-Syndrom. Bis zu 60 unterschiedliche Symptome können beobachtet werden. Dabei haben autistische Menschen vor allem Schwierigkeiten, mit anderen in einen engen sozialen Kontakt zu treten.

Mehrere typische Auffälligkeiten treten bereits in den ersten drei Lebensjahren auf. Dazu zählt, dass autistische Kinder Blickkontakt auch mit vertrauten Personen vermeiden. Sie lächeln nicht zurück und scheinen Sprache nicht zu verstehen.

Ungefähr die Hälfte aller autistischen Kinder lernt nie, sich lautsprachlich zu äußern. Auch eine Störung des Sozialverhaltens gehört zu den typischen Symptomen. Am wohlsten scheinen sich Autisten allein zu fühlen. Sich wiederholende, stereotypische Bewegungen sind ebenfalls häufig zu beobachten.

Ursache für die Behinderung ist eine angeborene und unheilbare Störung der Wahrnehmung und Informationsverarbeitung des Gehirns. Bei 60 Prozent der autistischen Kinder lassen sich Hirnschädigungen und Hirnfunktionsstörungen nachweisen.

Einige Betroffene sind zwar unfähig, einfache Tätigkeiten auszuüben, sie können aber über sogenannte Inselbegabungen verfügen. Dabei legen sie außergewöhnliche Fähigkeiten an den Tag: Einige können Musikstücke nach einmaligem Hören nachspielen, andere lernen ganze Telefonbücher auswendig.

Oft sind Familien doppelt hart von Autismus betroffen: In elf Prozent der Familien wurde die Krankheit bei mehr als einem Kind diagnostiziert. Dieses Ergebnis entspreche denen früherer Studien, schrieben die Forscher im American Journal of Psychiatry, wo diese Studie erschien.

Aber auch 20 Prozent der Geschwister, die nicht autistisch waren, zeigten Zeichen der Krankheit. Bei ihnen wurde häufig schon in früher Kindheit eine verzögerte Sprachentwicklung oder Sprachstörung festgestellt. Die Hälfte dieser Kinder wies Symptome auf, die mit Autismus assoziiert werden. So hätten diese Kinder beispielsweise Probleme, ihre Sätze korrekt zu intonieren und Wichtiges zu betonen.

Die Studie sei wichtig, weil sie zeige, wie nicht nur Autismus, sondern auch autistische Züge in Familien weitervererbt würden, sagte Rebecca Landa, Co-Autorin der Studie. Es sei wichtig, Geschwister von autistischen Kindern genau zu beobachten und – sollten Zeichen der Krankheit erkennbar sein – genau zu untersuchen.

Autisten leben meist in ihrer eigenen Welt. Sie können schlecht mit ihren Mitmenschen kommunizieren, oft ist der Kontakt selbst zu den eigenen Eltern schwierig. Die Ärztekammer schätzt die Zahl der Autisten in Deutschland auf 35.000. Die genauen Ursachen der Krankheit sind unbekannt, aber Gene scheinen eine wichtige Rolle zu spielen>

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Welt online,
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2.4.2011: Kein Autist ist gleich

aus: Welt online: Psychologie: 60.000 Autisten - und kein Patient ist gleich; 2.4.2011;
http://www.welt.de/gesundheit/article13018002/60-000-Autisten-und-kein-Patient-ist-gleich.html

<Autisten nehmen die Umwelt anders wahr.

Autismus birgt ein ganzes Spektrum an Ausprägungen: Meist fallen die Symptome schon in den ersten Lebensjahren auf – für Eltern eine riesige Herausforderung.

Sie fallen schon in den ersten drei Lebensjahren auf: Kinder mit frühkindlichem Autismus. "Die Kinder lassen sich nicht in den Arm nehmen, sprechen nicht oder kaum und suchen keinen Blickkontakt", sagt Maria Kaminski vom Bundesverband Autismus Deutschland.

Sie entwickeln intensives Interesse in einzelnen Gebieten, etwa Elektrizität oder Küchengeräte. Für Menschen jedoch interessieren sie sich wenig, und sie sind oft nicht in der Lage, soziale Kontakte aufzubauen. Unvorhergesehenes überfordert sie. Nicht selten sind Kinder mit frühkindlichem Autismus aggressiv.

Viele von ihnen wiederholen immer wieder die gleichen Bewegungen, wie die Hände auszuschütteln."Für Eltern ist die Erziehung dieser Kinder eine Riesenherausforderung", sagt Kaminski aus Osnabrück.

Vor einigen Jahren riefen die Vereinten Nationen den Welt-Autismus-Tag aus. Er wird jährlich am 2. April begangen. Auch einige der mehr als 50 Regionalverbände von Kaminskis Organisation werden daher Tagungen zu diesem Thema veranstalten.

Experten gehen davon aus, dass bis zu ein Prozent der Bevölkerung von einer autistischen Störung betroffen ist. Genaue Zahlen für Deutschland liegen nicht vor. Die UN schätzen, dass es weltweit 67 Millionen Autisten gibt. Jungen sind vier Mal häufiger betroffen als Mädchen, sagt die Frankfurter Professorin Christine Freitag.

Nicht alle haben jedoch eine frühkindliche, tiefgreifende Entwicklungsstörung, die in den ersten Lebensjahren beginnt. So gehört zu den Autismusspektrumsstörungen auch das Asperger-Syndrom, das sich ungefähr ab dem dritten oder vierten Lebensjahr abzeichnet. "Diese Kinder haben Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen und gelten beispielsweise als Eigenbrötler mit besonderen Begabungen", sagt Kaminski. "Sie kommen oft in der Pubertät in Schwierigkeiten, weil sie merken, dass sie anders sind als andere, und sind dann nicht selten Opfer von Mobbing."

Doch was weiß man über die Herkunft von Autismus in all seinen Ausprägungen? "Schon seit vielen Jahren ist bekannt, dass es eine genetische Komponente gibt", sagt Freitag. Sie war beteiligt an einer Veröffentlichung des Autism Genome Projects im Fachjournal "Nature". Für die Studie wurde das Erbgut von 1000 Autisten und 1300 Menschen ohne die Entwicklungsstörung untersucht.

"Es stellte sich heraus, dass bei Menschen mit Autismus ganze Chromosomen-Abschnitte, also jeweils mehrere Gene, ganz fehlten oder doppelt vorlagen." Teilweise hatten der Expertin zufolge die Patienten diese Veränderungen nicht von ihren Eltern geerbt, sondern die Mutationen waren neu aufgetreten. Freitag ist Professorin an der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Goethe-Universität Frankfurt/Main.

Heilung gibt es für die autistischen Kinder und Erwachsenen nicht, aber eine Reihe von Behandlungsmöglichkeiten. Vor allem intensive verhaltenstherapeutisch basierte Verfahren spielen eine Rolle, die auch die Eltern sowie den Kindergarten und die Schule mit einbeziehen. Es reicht nicht aus, die Kinder zu behandeln. Die Eltern und das weitere soziale Umfeld müssen mit im Boot sein.

Eltern müssten unter anderem lernen, wie sie mit den Kindern reden können. "Beispielsweise verstehen Autisten keine Metaphern oder Ironie", sagt Kaminski. Autistische Kinder bräuchten von klein auf Verhaltenstraining, beispielsweise wie man sich gegenseitig begrüßt, und ganz klare Strukturen. "Das Wichtigste ist, dass die Eltern am Ball bleiben, die Förderung darf nicht mit dem Schulalter aufhören."

Manchen der autistischen Mädchen und Jungen könne mit Medikamenten geholfen werden bei einzelnen schwerwiegenden Symptomen, sagt Freitag. "Dazu gehören zum Beispiel die Aufmerksamkeitsstörungen, Aggressivität oder depressive Verstimmungen, die vor allem im jugendlichen Alter auftreten können. Aber diese Medikamente verändern nicht die autistischen Kernsymptome."

Neuere Grundlagenforschung beschäftigt sich mit dem "Kuschelhormon" Oxytocin. Es beeinflusst beispielsweise das Vertrauen und die Bindung zwischen Mutter und Neugeborenen, die sexuelle Aktivität bei Erwachsenen und soll ausgleichend bei Stress wirken.

Mit Hilfe von Computertests zeigten französische Forscher in einer kleinen Studie, dass die Gabe von Oxytocin per Nasenspray das Beobachten von menschlichen Gesichtern für die autistischen Probanden "angenehmer" machte - so betrachteten die Teilnehmer die gezeigten Gesichter zum Beispiel etwas länger. "Doch von einer breit angelegten Anwendung von Oxytocin-Nasenspray sind wir noch weit entfernt", betont Freitag. "Es ist völlig offen: Kommt es durch das Hormon zu einem bleibenden Effekt, oder ist er nur kurzfristig?"

Wie viele Menschen mit Autismusspektrumsstörungen in Deutschland einem normalen Schul- und Berufsleben nachgehen können, ist laut Freitag und Kaminski unklar. "Das hängt vor allem auch mit der Intelligenz zusammen", sagt Freitag. Die Bandbreite reiche von überdurchschnittlicher Intelligenz bis hin zur geistigen Behinderung.

Aus Studien in Schweden oder Großbritannien könne man abschätzen, dass bis zu einem Viertel der Patienten mit guter Begabung es "ganz gut schafften", im Erwachsenenalter weitgehend selbstständig zu leben. An Freitags Institut wollen die Wissenschaftler nun Patienten kontaktieren, die dort einmal vorgestellt wurden, und nachvollziehen, wie diese nun leben.

Mehr Informationen zum Thema

dpa/oc>

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Basler
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6.7.2011: Psychologe Baron-Cohen meint nach vielen Testserien, Autisten hätten ein extrem männliches Gehirn

aus: Basler Zeitung online: Ein Autismus-Forscher als Feindbild der Feministinnen; 6.7.2011;
http://bazonline.ch/leben/gesellschaft/Ein-AutismusForscher-als-Feindbild-der-Feministinnen-/story/14180082
<Von Matthias Meili

Der englische Psychologe Simon Baron-Cohen glaubt, dass Autisten ein extrem männliches Gehirn haben. Schuld daran sei das Testosteron im Mutterleib.

Für Feministinnen ist er ein rotes Tuch, seine Arbeit wurde im Feuilleton der NZZ sogar als Machwerk abgekanzelt. Denn der englische Psychologe Simon Baron-Cohen bewegt sich im Minenfeld des Geschlechterkampfes. Schuld ist seine Testosteron-Studie. Er zeigte darin, dass sich Kinder umso «männlicher» verhalten, je mehr Testosteron sie im Mutterbauch ausgesetzt waren. Nach weiteren Forschungen, in denen er auch die Gehirnaktivität von Männern und Frauen mittels bildgebender Verfahren testete, kam Baron-Cohen zum Schluss, das Gehirn des durchschnittlichen Mannes funktioniere mehr in Systemen, während Frauen mehr empathische Denkmuster zeigten. In seinem 2004 erschienenen Buch «Vom ersten Tag an anders» prägte der Psychologe dann die Begriffe vom E-Gehirn (empathisch, eher weiblich) und vom S-Gehirn (systematisch, eher männlich).

Damit trieb Baron-Cohen seine Kritiker zur Weissglut. Dass der Unterschied zwischen Mann und Frau biologische Ursachen haben könnte, war für sie schwer zu verdauen. So würden viele Vorurteile bestätigt und Klischees in Stein gemeisselt. Ein Fehlschluss, den Baron-Cohen bei jeder Gelegenheit korrigierte: Denn selbst wenn eine Eigenschaft in einer Gruppe durchschnittlich vorherrscht – etwa das systematische Denken bei Männern – bedeutet dies nicht, dass nicht auch Frauen systematisch denken können. «Es arbeiten auch S-Gehirne in weiblichen Köpfen», sagte Baron-Cohen damals, «und dies ganz ohne Abweichung im Hormonprogramm». Doch solche Differenzierungen wurden im Eifer überhört.

Knaben lernen später sprechen

Simon Baron-Cohen, der diese Woche in Zürich weilte, taugt nicht als Feindbild. Die rhetorische Keule zu schwingen, liegt ihm fern. Schillernd an ihm ist nur die Verwandtschaft mit dem Komiker Sacha Baron-Cohen alias Borat oder Ali G., der sein Cousin ist. Simon Baron-Cohen ist 52 Jahre alt, Vater von zwei Knaben und einem Mädchen, und er ist Vegetarier – «eine persönliche Entscheidung, die ich schon lange getroffen habe», sagt er.

Am Anfang seiner wissenschaftlichen Karriere vor 30 Jahren war er Sonderschullehrer für autistische Kinder. «Damals wusste man praktisch nichts über Autismus. Wir waren sechs Lehrer, die sechs betroffene Kinder betreuten.» Heute ist er einer der renommiertesten Autismus-Forscher und Direktor des Autismus-Forschungszentrums an der Universität Cambridge. Nach Zürich ist er gekommen, weil er eine DVD für autistische Kinder vorstellte. «Unsere Forschung mit dem Testosteron kam erst später. Zuerst hatten wir mit psychologischen Tests einfach festgestellt, dass sich Mädchen und Buben anders entwickeln», erzählt Simon Baron-Cohen. Doch er interessierte sich vor allem für Autismus und das Rätsel, wieso davon mehrheitlich Knaben betroffen sind.

Knaben funktionieren wie Autisten

Rund ein Prozent der Bevölkerung leidet heute an dieser Entwicklungsstörung, vier Fünftel davon sind Knaben. Betroffenen scheint der wichtige Schritt zum Perspektivenwechsel nicht zu gelingen. Wenn andere Kinder diese «Theory of Mind» im Alter von drei, vier Jahren gelernt haben, können sich Autisten nie in andere Personen hineinversetzen. Gefühle in Gesichtern können sie nur schwer erkennen. Zum Teil haben sie Probleme bei der Sprachentwicklung. Doch rund 30 Prozent der Autisten haben auch eine geniale Seite – in Teilbereichen wie etwa in der Mathematik oder in der Musik brillieren sie mit unglaublichen Fähigkeiten. «Autisten zeigen uns, dass es irgendwo einen Bruch gibt zwischen sozialen Fähigkeiten sowie sozialer Intelligenz und der generellen Intelligenz», sagt Simon Baron-Cohen. «Dieser Aspekt fasziniert mich.»

Laut Baron-Cohen haben Autisten ein männliches Gehirn in seiner Extremvariante. «Wir wissen, dass Knaben im Durchschnitt später sprechen lernen und weniger soziale Kompetenzen an den Tag legen als Mädchen», sagt der Autismus-Forscher. «Dafür haben sie mehr Freude an systematischen Dingen. Bei Autisten sind diese Eigenschaften noch viel ausgeprägter.» Dies zeigen auch Untersuchungen mit modernen bildgebenden Verfahren, mit denen sich die Hirnaktivität von Probanden direkt beobachten lässt: Das Betrachten von Gesichtern, die verschiedene Emotionen signalisieren, aktiviert eine Region in der linken Hirnhälfte, den medialen präfrontalen Kortex. Bei Frauen und Mädchen war diese Region am stärksten aktiv, bei Autisten am wenigsten, während die männlichen Testpersonen in der Mitte des Spektrums lagen.

Gesellschaft oder Gene?

In den vergangenen 30 Jahren ist die Zahl der diagnostizierten Autisten rasant angestiegen. «Damals waren es 4 von 10 000 Menschen», sagt Simon Baron-Cohen. «Heute ist es 1 von 100.» Wäre es nicht möglich, dass die Betroffenen Opfer des Gesellschaftswandels sind und in einer Welt, in der soziale Kompetenzen und Kommunikation immer wichtiger werden, einfach nicht mehr klarkommen? Dass also vor allem Knaben in einer feminisierten Welt benachteiligt sind? «Das ist möglicherweise der Grund, wieso wir immer mehr Fälle von Autismus erkennen», sagt Simon Baron-Cohen. «Aber eine Ursache von Autismus kann das nicht sein.»

Ob die Testosteron-Konzentration im Mutterbauch bei Autismus eine Rolle spielt, wird sich Ende Jahr zeigen. Spätestens dann veröffentlicht Baron-Cohen die Resultate einer Studie, in der er in Zusammenarbeit mit einer dänischen Biodatenbank Tausende Fruchtwasserproben – auch von Autisten – analysiert hat. In seiner ersten Testosteron-Studie hatte er nämlich nur Proben von 200 Kindern untersucht. Das reichte gerade, um den kleinen Unterschied zwischen Knaben und Mädchen festzustellen.

(Tages-Anzeiger)>

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Basler Zeitung
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17.12.2011: «Autistische Mädchen fallen kaum auf»

aus: Basler Zeitung online; 17.12.2011;
http://bazonline.ch/wissen/medizin-und-psychologie/Autistische-Mdchen-fallen-kaum-auf/story/21306363

<Von Andrea Fischer.

Eine zu enge Vorstellung von Autismus sei der Grund, warum Mädchen oft nicht rechtzeitig eine Diagnose bekämen. Es braucht deshalb Änderungen in der Diagnostik, sagt Autismusexpertin Judith Gould.

Frau Gould, Sie sagen, Mädchen mit Autismus bekämen oft gar keine oder keine rechtzeitige Diagnose. Was bringt Sie zu dieser Aussage?
Wir haben in unserem Autismuscenter in den letzten Jahren vermehrt Mädchen im Teenageralter und junge Frauen diagnostiziert. Das heisst, der Autismus ist bei ihnen im Kindesalter nicht erkannt worden. Auch bekommen wir vermehrt jugendliche Mädchen von den psychiatrischen Diensten zur Abklärung zugewiesen, wobei wir dann feststellen, dass nicht ein psychiatrisches Problem vorliegt, sondern eine Entwicklungsstörung, ein Autismus, der aber zuvor nie diagnostiziert wurde.

Was ist der Grund dafür, dass der Autismus bei Mädchen nicht erkannt wird?
Ich glaube das liegt daran, dass viele eine sehr enge Vorstellung von Autismus haben. Nicht nur Laien, sondern auch Ärzte oder Fachpersonen. Sie denken, autistisch zu sein, bedeute, dass jemand total verschlossen ist, sich nur für technische Dinge und Objekte interessiert und dass eine autistische Person hyperaktiv und aggressiv ist. Das sind typischerweise Merkmale, wie sie bei autistischen Buben anzutreffen sind. Wenn dann ein Mädchen kommt, das zumindest oberflächlich kontaktfreudig ist und Interessen zeigt, wie sie für Mädchen typisch sind, dann sagen viele: Das kann unmöglich Autismus sein.

Heisst das denn, der Autismus zeigt sich bei Mädchen anders als bei Buben?
Ja. Das Grundproblem, die Schwierigkeiten bei der Kommunikation und bei der sozialen Interaktion: Das ist zwar bei allen innerhalb des Autismusspektrums vorhanden. Aber Mädchen sind eher passiv, und sie haben die Fähigkeit, zu beobachten und soziales Verhalten bis zu einem gewissen Grad zu kopieren. Damit verschleiern sie ihre autistischen Symptome und fallen viel weniger auf.

Ist das der Grund, warum die Störung bei Mädchen nicht erkannt wird – weil autistische Mädchen anders sind als autistische Jungen?
Gerade weil der Autismus sich anders manifestiert bei Mädchen, muss man eben wissen, warum das so ist. Da genügt eine enge Vorstellung von Autismus einfach nicht.

Ist es demnach auch ein Problem der Diagnostik?
Tatsächlich ist die Diagnostik noch immer sehr stark auf Jungen ausgerichtet. Die geltenden Diagnosekriterien beschreiben das typisch männliche Muster von Autismus. Mädchen, die davon abweichen, werden mit diesen Kriterien nicht erfasst. Es braucht also Änderungen in der Diagnostik, das heisst, man muss spezifische und detaillierte Fragen stellen, um den Autismus in seiner Komplexität zu erfassen.

Können Sie das noch etwas ausführen?
Bei der Diagnostik geht es darum, die sozialen Probleme zu eruieren. Nehmen wir zum Beispiel den Bereich der Interaktion mit anderen. Da genügt es nicht, bloss zu fragen, ob das Kind oder die Jugendliche Kontakte zu Gleichaltrigen hat. Man muss sich auch nach der Qualität der Kontakte erkundigen, das heisst, danach fragen, wie sich das Kind verhält, wenn Gäste nach Hause kommen, und wie es reagiert, wenn jemand verärgert ist. Ein anderes Beispiel wäre das Spielverhalten: Da gilt es, zu hinterfragen, ob das Kind mit verschiedenen Gegenständen spielt oder ob es immer mit denselben Dingen auf dieselbe Art spielt – ob es auf Spielvorschläge von anderen Kindern eingeht oder nicht. Die Fragen müssen auch dem Alter der abzuklärenden Person angepasst sein.

Angenommen, mit einer verbesserten Diagnostik könnten alle Mädchen erfasst werden. Glauben Sie, es gäbe am Ende trotzdem mehr Buben mit Autismus als Mädchen?
Wahrscheinlich schon. Denn statistisch gesehen, sind Entwicklungsstörungen bei Buben generell stärker verbreitet als bei Mädchen.

Was passiert, wenn die Diagnose nicht oder nicht rechtzeitig gestellt wird?
Die Schwierigkeiten manifestieren sich vor allem ab der Pubertät, wenn die Mädchen sozial mit Gleichaltrigen immer weniger mithalten können. Darauf reagieren sie mit Angstzuständen und mit Rückzug. Wir haben oft mit Mädchen zu tun, die sich weigern, weiter zur Schule zu gehen, weil sie dort gemobbt werden. Schwere Depressionen und Zwangsstörungen sind verbreitet; viele Teenager kommen deshalb in psychiatrische Behandlung. Das hilft aber nicht, wenn das Grundproblem, der Autismus, nicht erkannt wird. Denn nur die richtige Diagnose führt zu einer adäquaten Therapie. (Tages-Anzeiger)>

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Der
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30.4.2012:
Neues Gen identifiziert: Forscher entdecken Schlüsselprinzip bei Autismus-Erkrankungen

aus: Der Standard online; 30.4.2012;
http://derstandard.at/1334796578232/Neues-Gen-identifiziert-Forscher-entdecken-Schluesselprinzip-bei-Autismus-Erkrankungen

<Unregelmäßigkeiten an so genannter glutamaterger Synapse spielen offenbar entscheidende Rolle.

Aktuelle Versuche an genetisch veränderten Mäusen deuten darauf hin, dass Unregelmäßigkeiten an der so genannten glutamatergen Synapse eine Schlüsselrolle bei autistischen Erkrankungen spielen. Diese Erkenntnis könnte ein wichtiger Baustein für eine künftige Autismus-Therapie sein.

Unter dem Begriff "Autismus" werden verschiedene neuronale Entwicklungsstörungen zusammengefasst, die sich durch soziale und kommunikative Verhaltensauffälligkeiten sowie stereotype Handlungen äußern. Bekanntlich kommunizieren Nervenzellen per Signalübertragung an Kontaktstellen (Synapsen) miteinander. Diese Kommunikation wird durch Gerüstproteine wie ProSAP1/Shank2 stabilisiert, die so einen Beitrag zum Funktionsgefüge erregender Synapsen leisten.

Um die Rolle von ProSAP1/Shank2 an der Synapse und letztlich bei der Entstehung von Autismus zu verstehen, hat eine internationale Gruppe um die Ulmer Forscher Professor Tobias Böckers und Michael Schmeißer Mäuse genetisch modifiziert und ProSAP1/Shank2 ausgeschaltet. Die Wahl dieses Proteins ist nicht ganz zufällig: Im Vorfeld der aktuellen Studie hatten einige der beteiligten Wissenschafter gezeigt, dass Mutationen im ProSAP1/Shank2 Gen beim Menschen zu Autismus führen können.

Sichtbare Auffälligkeiten im Mäuseversuch

Auch im Mausmodell hat das Fehlen von ProSAP1/Shank2 sichtbare Auswirkungen: Tiere mit der Gen-Mutation sind hyperaktiv und zeigen sich immer wiederholende Handlungen - etwa bei der Fellpflege. In Verhaltensexperimenten werden zudem Auffälligkeiten in der sozialen und kommunikativen Interaktion deutlich.

Auch in den Gehirnen der Mäuse fanden die Forscher Änderungen: "Die Dichte dendritischer Dornen, an denen die vorgeschalteten Nervenzellen synaptische Kontakte bilden, ist wesentlich geringer als beim Wildtyp. Elektrophysiologische Messungen zeigen eine auffällig veränderte Signalübertragung", sagt Böckers.

Ist ProSAP1/Shank2 ausgeschaltet, wird das verwandte Gerüstprotein ProSAP2/Shank3 vermehrt an der Synapse gebildet. Diese Substitution haben die Forscher anhand der genetisch veränderten Tiere nachgewiesen. Gleichzeitig beschreiben sie in ihrer im Fachjournal "Nature" veröffentlichten Studie eine Zunahme so genannter ionotroper Glutamatrezeptoren. Glutamat ist ein erregender Neurotransmitter im zentralen Nervensystem.

Grundlage für Autismus-Therapie

Als wohl wichtigstes Ergebnis untermauert der aktuelle Fachbeitrag die bedeutende Rolle des glutamatergen Systems bei Autismus: "Die molekulare Proteinzusammensetzung an glutamatergen Synapsen ist in verschiedenen Hirnregionen unterschiedlich stark gestört. Das Ausmaß der Unregelmäßigkeiten hängt auch vom Entwicklungsstand der Tiere ab", erläutert Schmeißer. Bei den genetisch modifizierten Mäusen liege anscheinend ein molekularer Reifungsdefekt der Synapse vor. Eines Tages könnte die "Reparatur" dieses Defekts eventuell Grundlage einer Autismus-Therapie sein.

Eine weitere wichtige Erkenntnis beruht auf dem Vergleich der genetisch modifizierten Tiere mit einer zweiten Gruppe Mäuse, denen ProSAP2/Shank3 fehlt. Dieses Protein wird ebenfalls mit Autismus assoziiert. Offenbar erfüllen ProSAP1/Shank2 und ProSAP2/Shank3 an erregenden Synapsen verschiedene, in Wechselwirkung stehende Funktionen. Das gilt vor allem im Zusammenhang mit dem glutamatergen System. "Die unterschiedlichen Funktionen der Proteine sollten künftig weiter untersucht und gegebenenfalls bei der Entwicklung einer individualisierten Autismus-Behandlung berücksichtigt werden", so Tobias Böckers. Es gelte, wirksame Therapien auf die zugrunde liegende synaptische Störung abzustimmen. (red, derstandard.at, 30.04.2012)>

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Welt online,
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20.10.2012: Autismus ist schon ab 1 Jahr erkennbar, wenn das Kind ohne Brabbeln passiv bleibt

aus: Welt online: Psychologie: Achtung, wenn der Kleine das Brabbeln verweigert! 20.10.2012;
http://www.welt.de/gesundheit/article110044555/Achtung-wenn-der-Kleine-das-Brabbeln-verweigert.html

<Etwa mit einem Jahr teilen sich Kinder der Umwelt mit: Sie winken oder brabbeln. Geschieht das nicht, sollten Eltern aufmerksam werden, denn autistische Kinder sollten so früh wie möglich gefördert werden.

Je früher Kinder mit Autismus behandelt werden, desto besser: Zwar kann die Störung erst ab dem zweiten Lebensjahr sicher diagnostiziert werden, bestimmte Verhaltensweisen deuten aber bereits früher darauf hin.

"Autistische Kinder wirken oft unnahbar. Sie weichen Blickkontakten und Berührungen aus und erwidern diese auch nicht", sagt Inge Kamp-Becker von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP).

Normalerweise beginne ein Kind im Alter von zwölf Monaten sich mitzuteilen – etwa durch Brabbeln, Winken oder das Deuten auf Gegenstände. Bleibe dies aus, und reagiere das Kleinkind auch nicht auf die Stimmen der Eltern, sollte ein Facharzt konsultiert werden, rät sie.

Mehr Jungs als Mädchen

Auch wenn Autismus nicht geheilt werden kann, können die betroffenen Kinder von einer guten Förderung profitieren. "Betroffene Kinder müssen lernen, auf andere Menschen einzugehen, ihnen zuzuhören, wenn sie mit ihnen sprechen und sich ihnen gegenüber mitzuteilen. Je früher diese Förderung erfolgt, desto spielerischer können die Kinder das lernen", betont Kamp-Becker.

Wie viele Kinder von einer autistischen Störung betroffen sind, ist nicht ganz klar. Es wird davon ausgegangen, dass es etwa 0,6 bis ein Prozent der unter 18 Jährigen sind. Jungen sind weitaus häufiger betroffen als Mädchen.

dapd/cl>

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Welt
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26.11.2012: <
Entwicklungsstörung: Feinstaub erhöht offenbar Risiko für Autismus>

aus: Welt online; 26.11.2012;
http://www.welt.de/gesundheit/article111517561/Feinstaub-erhoeht-offenbar-Risiko-fuer-Autismus.html

<Was genau Autismus auslöst, ist bisher noch unklar: US-Forscher haben nun einen Zusammenhang zwischen Feinstaub-Belastung während der Schwangerschaft und dem Auftreten der Störung gefunden.

Von
n Gegenden mit hoher Luftverschmutzung scheint das Autismusrisiko für Kinder erhöht zu sein. Das legt die Studie eines amerikanischen Forscherteams nahe. Demnach entwickelten Kinder, deren Mütter während der Schwangerschaft einer stärkeren Luftverschmutzung ausgesetzt waren, mit einer bis zu dreimal so hohen Wahrscheinlichkeit Autismus wie Neugeborene, deren Mütter sauberere Luft eingeatmet hatten.

Auch eine schlechte Luftqualität während des ersten Lebensjahrs der Kinder schien ihr Autismusrisiko zu erhöhen. Ob es sich dabei allerdings tatsächlich um eine Ursache-Wirkungsbeziehung handelt, könne man noch nicht abschließend sagen, räumt das Team um Heather Volk von der University of California in Los Angeles ein.

Die Forscher hoffen jedoch, dass ihre Ergebnisse dabei helfen zu verstehen, wie Autismus entsteht, wie sie im Fachblatt "Archives of General Psychiatry" schreiben.

Unbekannter Entstehungsmechanismus

Autismus ist eine Entwicklungsstörung, die vor allem durch drei Probleme gekennzeichnet ist: Die Betroffenen haben Schwierigkeiten, mit anderen zu kommunizieren, sie bauen keine oder kaum soziale Beziehungen auf und sie neigen dazu, bestimmte Verhaltensweisen immer wieder zu wiederholen.

Was genau die Krankheit auslöst, ist unklar. Es scheint allerdings eine genetische Veranlagung zu geben, die durch bestimmte, noch größtenteils unbekannte Umweltfaktoren ausgelöst oder zumindest gefördert wird, wie die Forscher erklären.

Bereits in einer früheren Studie hatte das Team um Volk Hinweise darauf gefunden, dass einer der Umweltfaktoren die Luftqualität sein könnte. So wiesen sie beispielsweise ein leicht erhöhtes Autismusrisiko in Familien nach, die sehr nah an viel befahrenen Autobahnen lebten. Die neue Studie deutet nun in die gleiche Richtung.

Neue Studie erhärtet frühere Erkenntnisse

Darin hatten die Wissenschaftler zwei verschiedene Ansätze genutzt, um den Grad der Luftverschmutzung zu bestimmen: Zum einen hatten sie ein Modell entwickelt, mit dem sie aufgrund von Windrichtung und -stärke sowie der Verkehrsdichte im Umfeld die Belastung mit Schadstoffen an einem bestimmten Ort berechnen konnten.

Und zum anderen nutzten sie Daten offizieller Luftqualitäts-Messstellen, insbesondere zur Feinstaubbelastung und zur Konzentration an Stickstoffdioxid in der Luft. Ersteres habe vor allem die Luftverschmutzung durch den Straßenverkehr im Visier, während bei letzterem auch andere Quellen wie die Industrie erfasst seien, erläutern sie.

Beide Kriterien nutzten die Forscher für eine sogenannte Fall-Kontroll-Studie: Sie wählten 279 Familien mit autistischen Kindern und 245 Familien ohne die Entwicklungsstörung aus und verglichen, wie viel Luftverschmutzung die Mütter während der Schwangerschaft und die Kinder im ersten Lebensjahr ausgesetzt gewesen waren. Basis waren die Adressen, die die Probanden zur Verfügung stellten.

Dreifach erhöhte Wahrscheinlichkeit

Im Vergleich zur Gruppe mit den geringsten Stickoxid- und Feinstaubbelastungen war die Wahrscheinlichkeit für ein autistisches Kind in der Gruppe mit den höchsten Werten um den Faktor zwei bis drei erhöht, zeigte die Auswertung. Das galt sowohl für die modellierten Daten als auch für die gemessenen.

Am wenigsten Einfluss scheint dabei eine hohe Belastung im ersten Drittel der Schwangerschaft zu haben, wie die Forscher aus ihren Werten schlussfolgern, auch wenn für eine genaue Aussage dazu die Daten nicht ausreichten.

Auch insgesamt räumen sie ein, dass sich mit einer Fall-Kontroll-Studie wie im vorliegenden Fall zwar Beziehungen aufdecken ließen, es aber unklar bleibe, ob der betrachtete Faktor – die Luftqualität – wirklich das erhöhte Risiko hervorrufe.

So könne es beispielsweise sein, dass das höhere Autismusrisiko auf irgendeinen Faktor zurückgehe, der auch das Leben in einem Gebiet mit schlechterer Luft fördere, wie etwa der sozioökonomische Status. Die Forscher haben zwar verschiedene derartige Faktoren in ihre Berechnungen einbezogen und keinen Zusammenhang gefunden, sie können aber nicht ausschließen, dass sie etwas übersehen haben.

Feinstaubpartikel beeinflussen Gehirnentwicklung

Dennoch erscheine ein Zusammenhang aus biologischer Sicht logisch, betont das Team. So hätten sowohl Feinstaubpartikel als auch Stickoxide in Tests im Labor bereits gezeigt, dass sie die Gehirnentwicklung beeinflussen können.

Auch sind sie in der Lage, das Immunsystem zu aktivieren und verschiedene Entzündungsreaktionen zu fördern, die wiederum einen Einfluss auf die Entwicklung von Gehirnzellen haben können.

Die Wissenschaftler wollen nun genauer untersuchen, welche Effekte der Beziehung zugrunde liegen. Denn wenn man verstehe, welche Risikofaktoren es gebe, könne man möglicherweise auch besser verstehen, wie Autismus entsteht – und wie man der Krankheit vorbeugen kann, sagen sie.

dapd>
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